Bei der Anreise am 04. 08. 2019 zu unserer Pension in Freyburg an der Unstrut konnten wir dank diverser Umleitungen weite Felder und riesige Windparks bestaunen, wie man sie in Hessen nicht findet. Dazwischen verloren sich kleine Dörfer, verbunden durch ebensolche Straßen mit streckenweise uraltem Kopfsteinpflaster, das den SUVs endlich einmal Gelegenheit bot, ihr Dasein zu rechtfertigen. Mit Erreichen des Unstrut-Tales änderte sich der Charakter der Landschaft schlagartig und wir schienen in weitaus südlichere Gefilde versetzt zu sein. Kalkfelsen, Weinberge und pittoreske Winzerhäuschen umrahmten den Fluss. Und malerisch thronte das mächtige Schloss Neuenburg über Freyburg, dem Zentrum des nördlichsten Weinanbaugebietes Deutschlands und Standort unseres Quartiers für die nächsten Tage.

 Nachmittag war dem Besuch eines im Internet angekündigten Weinfestes in Freyburg gewidmet. Leider entpuppte sich die Ankündigung als Fake News, denn trotz intensiver Suche war kein Weinfest zu finden. In unserem Vertrauen auf das geschriebene Wort hatten wir vergessen, dass wir im post-faktischen Zeitalter leben. Im Innenhof des Künstlerkellers fanden wir schließlich doch den ersehnten Imbiss und ausreichend Wein, insbesondere auch der hier erhältlichen Sorte „Gutedel“. Nach zwei Schoppen Wein fiel unser Blick auf ein gewaltiges Weinglas, das kopfüber als Dekoration hoch oben an einer Wand hing. Dieses Dekorationsstück bot uns pensionierten Ingenieuren und Naturwissenschaftlern willkommenen Anlass für einen fachlichen Disput bezüglich der Menge Weines, welches das Glas zu fassen vermöge. So approximierten wir zunächst das tulpenförmige Gefäß als Zylinder, dessen Volumen sich aus der Höhe H und dem Durchmesser D leicht zu ¼ πD2H errechnen lässt. Wegen der Unkenntnis von Höhe und Durchmesser kam dieser schöne mathematisch-theoretische Ansatz jedoch praktisch nicht zum Einsatz. Stattdessen blieb uns nur das weniger genaue Schätzverfahren, dessen Ungenauigkeit allerdings durch die Schwarmintelligenz der Gruppe reduziert werden konnte. Da wir gerade vor leeren Gläsern saßen, verbanden wir die Schätzung mit einer kleinen Wette. Wer am weitesten vom wahren Ergebnis entfernt sei, sollte die nächste Runde Wein bezahlen. Zur Auswahl standen am Ende vier Werte: 15, 20, 25 und 30 Liter.  Leider wusste auch die Bedienung nicht, wieviel das Glas tatsächlich fasst. Somit blieb die Frage nach dem Verlierer der Wette (und Zahler der Runde) offen.  Immerhin ließ sich allein durch logisches Denken die Anzahl potenzieller Verlierer reduzieren, indem all jene als Verlierer ausgeschlossen wurden, welche keinen der Randwerte 15 oder 30 geschätzt hatten (den mathematisch-logischen Beweis möge jeder selbst nachvollziehen). Zumindest war dies einmal so gewesen. Denn wieder machte uns das post-faktische Zeitalter einen Strich durch die Rechnung. Ein Sportkamerad bemerkte nämlich, dass ein guter Weinkenner – im Gegensatz zum Massenkonsumenten - sein Glas nie bis zum Rand füllt und es deshalb praktisch nicht möglich sei zu sagen, bei welchem Füllstand ein Weinglas voll sei. Diese Bemerkung, welche jedem Politiker zur Ehre gereicht hätte, führte zu dem sozial gerechten Ergebnis, dass es keine Gewinner, keine Verlierer, aber auch keinen Wein gab. Den gordischen Knoten bezüglich der Weinbestellung löste ein Sportfreund, indem er einfach die nächste Runde Wein ausgab. Man merke: Gleichheit gibt es scheinbar nur in Armut, und Unterschiede bringen die Dinge in Bewegung.

Am Abend wanderten wir ins Nachbardorf zum Essen und ließen später den Tag bei Wein und Bier auf der Veranda unserer Pension ausklingen. Anderentags fuhren wir bei etwas bewölktem Himmel wiederum über eine Umleitung nach Naumburg zum Kanuverleih und von dort samt Kanus im Auto der Verleiher zum Einsetzpunkt.  Wir starteten bei leichtem Regen, der aber bald nachließ. Dank der bemannten Schleusen, die uns auch das mühsame Umsetzen der Boote ersparten, fließt die Unstrut ruhig dahin. An Schleuse zwei erhielten wir gratis eine Einführung in die Kunst des Schleusens, gewürzt mit Anekdoten über besondere Schleus-Vorgänge, z.B. zahlreicher Ruder-Achter.

Gemächlich, aber nicht ohne Anstrengung glitten wir in unseren Booten durch das liebliche Unstrut-Tal. Vorbei an malerischen Weinbergen, grasenden Schafherden, alten Mühlen und anmutigen Villen führte uns unsere Fahrt flussabwärts, bis die Unstrut in die Saale mündete und unser Ziel Naumburg erreicht war. Da unser Programm in Bälde eine Domführung vorsah, war nur ein kleiner Imbiss im Bistro am Kanustützpunkt geplant. Leider fiel die Stärkung - nicht wegen des einsetzenden Regens, sondern wegen Ruhetag - zunächst ins Wasser. Ersatz gab es am Dom in Form einer leckeren Gulaschsuppe und eines Biers. Der Naumburger Dom begeisterte durch romanische Rundbögen und alte Gewölbe auf dicken Mauern, grazile gotische Spitzbögen, deren freitragendes Geflecht großen farbenprächtigen Fenstern Raum lässt, den kunstvoll gestalteten Lettnern und natürlich durch die Figuren der Dom-Stifter mit Ekkehard und Uta, durch welche der Dom nicht nur berühmt wurde,  sondern nunmehr auch zum Welt-Kulturerbe gehört.

Der Nachmitttag stand je nach Lust und Laune im Zeichen eines Stadtbummels in Naumburg, des Besuchs des Schlosses Neuenburg in Freyburg oder des Ruhens und Kräftesammelns für das abendliche Winzerbuffet. Dieses war schmackhaft und reichhaltig und ging nahtlos über in das gemütliche Beisammensein, das durch ein Ratespiel bereichert wurde. Einmal begonnen, konnte man schwer aufhören, die vom Computer generierten Fragen zu beantworten, zu denen es jeweils drei falsche Lösungsvorschläge und eine richtige Antwort gab. Bei manchen Fragen blieb nur das Raten, etwa bei derartigen wie dem folgenden (frei erfundenen) Beispiel: Was ist „Ku Ho“ ? A: Ein beliebtes Spielzeug chinesischer Prinzessinnen um ca. 2000 vor Christi. B:  Ein Krater auf dem Jupitermond Ganymed.  C: Ein peruanischer Höhlenwurm. D: Ein Ruf der Bergbauern beim Almauftrieb?.   Bei technischen Fragen waren wir aber echt gut! Am letzten Tag unserer Tour stand noch eine Führung durch die Rotkäppchen-Sektkellerei in Freyburg auf dem Programm. Die Marke „Rotkäppchen“ des  Traditionsunternehmens, zu dem heute auch Mumm-Sekt und Nordhäuser Doppelkorn gehören, verdankt seine Bezeichnung nicht etwa dem  gleichnamigen Märchen der Gebrüder Grimm, sondern der roten Kappe, welche die Sektflaschen ziert. Allein vom Rotkäppchen-Sekt werden aktuell 150 Millionen Flaschen pro Jahr hergestellt, wofür die Trauben aus dem Unstrut-Tal natürlich nie und nimmer reichen. Nur ca. 80 Tausend Flaschen Premium-Sekt, der eine goldene statt der roten Kappe trägt, werden aus heimischen Trauben gewonnen. Der bessere Sekt wird übrigens gerüttelt und nicht gerührt (wie die Massenware). Der Anblick von endlosen Reihen Sekt sowie des aus 25 Eichen hergestellten größten Cuvee-Weinfasses Deutschlands mit einem Volumen von 120.000 Litern und nicht zuletzt die Mittagshitze machten durstig, so dass der abschließende Imbiss inmitten der Weinberge gerade recht kam. Zuvor boten der schmale Anfahrtsweg und fehlende Parkmöglichkeiten vor Ort den Fahrern Gelegenheit, ihre Künste im Rückwärtsfahren zu zeigen. Aber auch diese Hürde und ebenso die Rückfahrt haben sie souverän gemeistert. Eine erlebnisreiche Tour war zu Ende, welche uns in eine landschaftlich schöne und geschichtsträchtige Gegend Deutschlands führte, die einen weiteren Besuch lohnt.

Günter Meinhold, Männergymnastik
08.09.2019

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